SuedLese 2016

Bei der Gemeinschaftslesung am 12.04.2016 im Rahmen der SuedLese machte ich den Anfang mit zwei Episoden, die ich im Vorfeld erlebte und dann beschrieben hatte. Dann folgten fünf tolle Geschichten von anderen Autoren.

Die Kapitelüberschriften ließ ich weg und fing direkt an.

(KLARTRÄUMEN)

Oh, wie öde! Es gibt wohl kaum etwas deprimierenderes als in einem Wartezimmer beim Arzt zu hocken, zusammengepfercht mit anderen, jeder still vor sich hin leidend und jedes Gespräch im Keim erstickend. Am besten jeden Kontakt vermeiden, heißt die Devise, auch Blickkontakt – denn nicht nur die Krankheiten, die uns dorthin führen, können ansteckend wirken, sondern auch die Leidensminen.

Manche stieren so vor sich hin, andere husten den Sitznachbarn etwas hinter vorgehaltener Hand und wieder andere entfliehen in die schillernde Welt der einen oder anderen Gala, sind mit von der Partie mit Glanz und Gloria von Thurn und Taxis und anderen Lichtgestalten, die das eigene Elend vergessen lassen.

Ich hatte kein Goldenes Blatt in der Hand und ich schaute auch die Frau im Spiegel nicht an. Mir war nicht danach, mich mit Diäten zu quälen, und ich gehe auch tendenziell diesen Bildschönheiten aus dem Weg, die mich noch mehr deprimieren könnten, weil ich so anders aussehe. Paparazos waghalsige Schnappschüsse von irgendwelchen Promis oder deren schmutzige Wäsche können mich auch nicht locken.

Ich kam eigentlich auch nicht des Schmökerns wegen zum Arzt und hatte zudem – irrtümlich – angenommen, ich müsste nicht lange warten, weil ich einen Termin hatte – aber die werden vermutlich nur vergeben, damit die Patienten die Hoffnung nicht aufgeben, jemals dranzukommen.

Nachdem ich bereits eine ganze Weile meditiert, alle Bilder an den Wänden eingehend studiert und die Blätter an der einzigen Pflanze – mehrmals – nachgezählt hatte, lechzte auch ich schließlich nach kurzweiliger Lektüre, um der aufkeimenden Langeweile zu entgehen.

Ich griff mir also nach einer guten Stunde ein Geo-Heft. Mich interessierte ein Artikel über das sogenannte Klarträumen, von dem ich noch nie etwas gehört hatte. Während des Lesens bekam das Warten plötzlich einen Sinn, denn das Thema war wirklich spannend. Klarträume sind Traumphasen, in denen den Träumenden bewusst ist, dass sie träumen und dann anfangen, diese bewusst zu steuern.

Ich fühlte mich im weitesten Sinne angesprochen, denn ich träume zurzeit sehr aktiv den Traum von einer freien Autorin. Nur dass ich vermutlich gerade gar nicht schlafe. Aber kann ich das mit Gewissheit sagen? Nur weil ich fünf Finger an jeder Hand habe, sollte ich mir meiner Sache nicht zu sicher sein.

Es könnte dabei durchaus zu Verwechslungen kommen, denn die Realität erscheint manchmal so unwirklich und Träume wirken in der Regel äußerst realistisch. Beide Varianten sind jedoch nach neuestem Erkenntnisstand nur abhängig von den Impulsen in unserem Gehirn. Mal ist diese Region aktiv, mal jene. Also ist es irgendwie seltsam zu behaupten, das eine sei echter als das andere.

Und als wäre es nicht auch so schon kompliziert genug,  mischt auch noch jederzeit, jedoch völlig unauffällig unser Unterbewusstsein mit, also ohne dass wir etwas davon mitbekommen.

In unserer Beschränktheit sehen wir prinzipiell immer nur die Spitze vom Eisberg. Der nicht sichtbare, unter Wasser liegende Teil ist aber unabhängig von unserer Wahrnehmung trotzdem da.

In jeder denk- und fühlbaren Welt geht es uns vermutlich besser, wenn wir es schaffen, das Geschehen aktiv mitzugestalten, statt Spielball zu sein von einer gleichfalls ferngesteuerten Mannschaft, während die Strippen von außen gezogen werden.

Von außen? Welches Außen? Spielt sich doch eh alles in meinem Kopf ab, oder nicht? Ja, wach ich oder träum ich? Keine Ahnung.

Ich bräuchte einen Maßstab, um diese Erlebniswelten besser auseinander halten zu können, beispielsweise meinen Traum, einen Verlag für meine ausgedrückten Gedanken zu gewinnen. Allerdings: In dem Moment, wo mir das gelingt und aus dem Traum Wirklichkeit wird, verliere ich just meinen Maßstab. Und wie soll ich dann bitteschön merken, dass mein Traum wahr geworden ist?

Ich fand solche Sachen rund um verschiedene Realitäts-Ebenen schon immer extrem kompliziert und hatte Schwierigkeiten, der Logik zu folgen, z. B. wenn es um Zeitreisen geht und jemand in einer Zukunft oder Vergangenheit rumläuft, die es nach der Handlung gar nicht mehr oder gar nicht erst geben kann. Schon damals war mein Verstand mit Filmen wie beispielsweise „Welt am Draht“ überfordert. Später hatte ich dann meine liebe Not mit „Terminator“ oder „Matrix“.

Bin ich echt zu doof dafür oder bilde ich mir das nur ein?

Es fällt mir wirklich schwer zu realisieren, ob logische Löcher, die sich mir in einer intelligent gestrickten Geschichte nicht erschließen, nun da sind oder nicht.

Ist ja auch egal. Wem erzähle ich das eigentlich?

Gibt es da draußen überhaupt jemanden außer mir oder führe ich hier Selbstgespräche?

Verdammt, vielleicht gibt es nicht einmal mich, weil ich mir sogar meine eigene Existenz bloß einbilde.

(BÜHNE FREI)

Ich träumte, echt jetzt.

Vermutlich fühlte sich mein Unterbewusstsein zu einem einschüchternden Szenario inspiriert, weil ich mich vorwitzig gemeldet hatte, bei einer Lesung mitzumachen.

In der folgenden Nacht träumte ich, ich sollte bei einer offiziellen Veranstaltung ein Gedicht vortragen. Der Ort erinnerte an einen Hörsaal, die Bühne war von starken Scheinwerfern in grelles Licht getaucht. Vor meinem geistigen Auge sah ich mich schon dort oben verloren – und geblendet – im Rampenlicht stehen.

Ich wurde nervös. Sehr nervös. Mir wurde mulmig wegen des bevorstehenden Lampenfiebers – und es kam noch schlimmer: Mir wurde bewusst, dass ich versäumt hatte, das Gedicht auswendig zu lernen, ja: im Grunde hatte ich sogar vergessen, worum es dabei überhaupt ging. Letzte Fragmente verflüchtigten sich angesichts der bevorstehenden Blamage. Und selbst den Zettel mit dem Text hatte ich verlegt, konnte also nicht einmal ablesen. Die Panik streckte ihre abgekauten Krallen nach mir aus.

Doch dann geschah das Wunder: ich begann klar zu träumen:

Ich realisierte, dass ich von meiner Angst träumte und nahm mir vor, nicht zu kneifen. Ich suchte nach einer Lösung, überlegte, wie ich improvisieren könnte. Mir fielen andere Verse ein, aus einem Kinderbuch, das ich unserem Sohn oft vorgelesen hatte und immer noch zu großen Teilen aufsagen kann.

„Die Hexe Widiwondel, die hatte einen Sohn, und Hurleburle war so wild, im jüngsten Alter schon. Einst sprang in aller Frühe er durch den Wald im Trab, trat viele bunte Blümchen um und riss die Pilze ab. Da sprach die Widiwondel:“

Nein, nein, kommt nicht in Frage, dachte ich. Das ist wohl kaum das Gedicht, das den Ansprüchen des Publikums gerecht werden würde.

Ich verwarf also den Gedanken und überlegte neu. Womit könnte ich aufwarten, was ist ihr Begehr? Und ich kam zu dem Schluss: ich weiß es nicht.

Und so entschied ich mich, sie zu fragen.

„Was sucht Ihr hier? Seid Ihr gekommen, weil Ihr einen Abend in guter Gesellschaft verbringen, berührt, erheitert oder zum Nachdenken angeregt werden wollt?

Wer seid Ihr? Und was ist Eure Geschichte?

Vielleicht schreibt Ihr selber, so wie ich. Weil Ihr das geschriebene Wort liebt und auch das gesprochene.

Vielleicht ist Eure Liebe zu Büchern entstanden in einer Zeit, da Euch einst vorgelesen wurde, bevor Ihr selber lesen lerntet. Vielleicht sehnt Ihr Euch nach dem Zauber der Fantasie oder dem Klang einer Stimme, die Euch ins Reich der Träume führt.

Während Ihr lauscht, teile ich meine Vorstellungskraft mit Euch und verbünde mich. Denn ich bin eine von Euch.“

 

Und ich wollte am liebsten gar nicht aufwachen, weil ich dann feststellen würde, dass Ihr gar nicht da seid.

Motive meiner Bilder-Sprache: Sinnlichkeit, Reflexion und Humor.

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