SuedLese 2017

BEGEGNUNG DER VIERTEN ART

Begegnungen hieß dasThema der Gemeinschaftslesung zum Start der SuedLese 2017. Bei meinem Beitrag warf ich einen wahrsagerischen Blick in eine nahe Zukunft.

Ich sitze im Bus der Line 3.0 und glotze ins Leere, als mich plötzlich eine Frau anfährt: „Geht´s noch?! Schauen Sie mich gefälligst nicht an, wenn ich nicht mit Ihnen rede!“

Die Umstehenden schütteln missbilligend die Köpfe und würdigen mich keines Blickes. Jetzt ist es mir schon wieder passiert: dass ich mit offenen Augen träume und nicht aufpasse, wo ich hinsehe, geradeaus. Ich hatte schon viel Ärger deswegen.

Man betrachtet mich sowieso mit Argwohn, weil ich keine Ohrstöpsel habe und kein Handy in der Hand halte. Spricht man heutzutage überhaupt noch von einem Handy oder wie heißt das flache Wisch-und-weg-Ding? Sciencetronic oder Meditation?

Ich weiß es nicht, mit mir redet ja keiner. Ich fühle mich isoliert in der globalisierten Welt, die sich nur noch um Beschleunigung und Wachstum dreht. Ich habe keinen Elitepartner und nur eine kleine homepage.

Ich gehöre gewissermaßen zu den Verlierern der digitalen Revolution. Die Digital Natives haben die Macht übernommen. Die alte Ordnung existiert nicht mehr. Alle Lehrkräfte wurden entlassen und durch Programme ersetzt. Die Zahlen wurden gekürzt von 1 bis 9.0, die Grammatik abgeschafft genauso wie die Muttersprachen, die den meisten Nachkommen der alten Generation viel zu umständlich war. Man spricht jetzt einheitliches WdHS. Das versteht jedes Kind.

Wir schreiben das Jahr 2.0.2 – Die Menschen sind ohne Ende online und dem World Wide Web hörig. Blickkontakte beschränken sich auf das Display und im Schriftverkehr werden überwiegend Abkürzungen verwendet statt viele Worte zu machen.

Es gibt für (fast) alles eine App, zum Beispiel, um Zusammenstöße zu verhindern. Die Aufprall-App wurde erweitert und ist jetzt optional als App-to-go oder to-drive-in verfügbar.

Die Arbeit 4.0.2 sorgt für mehr Transparenz. Besprechungen finden allerorten im öffentlichen Raum statt, ohne allgemeines Mitspracherecht versteht sich. Laptops und andere Bildschirme haben großflächig Einzug in Restaurants und Cafés gehalten und sorgen für Aufmerksamkeit.

Kritiker der Globalisierung mahnten vergeblich, die Menschen müssten enger zusammenrücken. Den meisten war das unangenehm. Sie vertrauten sich lieber sozialen Netzwerken und Nachrichtendiensten an statt Nachbarn, Freunden und Verwandten.

Die Zeit ist schnelllebiger denn je. Ups, hier kommt auch schon meine Haltestelle, an der ich aus dieser Szenerie aussteigen möchte. Denn ich finde es persönlich viel schöner, wenn wir uns wirklich begegnen, in die Augen sehen, miteinander reden und uns gegenseitig berühren.

Ich weiß, das klingt, als sei ich von vorgestern. Bei dem Gedanken an übermorgen wird mir tatsächlich ein wenig mulmig. Deshalb entscheide ich mich hier und jetzt für das Heute. Welcher Geist zu unserer Zeit herrscht, können wir mitbestimmen, indem wir den Begegnungen mehr echtes Leben einhauchen.

Motive meiner Bilder-Sprache: Sinnlichkeit, Reflexion und Humor.

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