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Weihnachtsgeschichte

Ausnahmezustand

Vor ein paar Jahren schrieb ich eine Kurzgeschichte, die mir kürzlich wieder einfiel. Beim erneuten Lesen fand ich, dass sie unter den gegebenen Umständen von besonderer Aktualität ist.

Theo stand auf dem zugigen Bahnhof im eisigen Wind, den der einfahrende ICE vor sich hertrieb. Er stellte sich vor, wie mit gleicher Geschwindigkeit Viren Einzug hielten und ihn attackierten. Zu spät, dachte er, eine Erkältung hätte er früher gebrauchen können, um das Familientreffen gut begründet absagen zu können. Mit verschnupfter Stimme und unterbrochen von trockenem Husten hätte er glaubwürdig geklungen und wäre vollständig entlastet gewesen. Doch dann hörte er im Geiste seine Mutter nachfragen, ob er Stress habe, berufliche oder finanzielle Sorgen, sich auch gesund ernähre und insgesamt auf sich achte. Er dachte resigniert, momentan ist mein einziger Stress das bevorstehende Weihnachtsfest.

Er verfrachtete sich und sein Handgepäck in den Zug und nahm seinen Sitzplatz für die zweistündige Fahrt in die Heimatstadt ein. Bis zum Elternhaus bräuchte er eine weitere Stunde.

Er schaute aus dem Fenster auf die vorbeiziehende Landschaft. Das Himmelstor am Horizont öffnete sich ein wenig und ließ einen spaltbreit Licht in die düstere Szenerie. Dann verschwand dieser Hoffnungsschimmer hinter einer Lärmschutzwand und seine Gedanken verfinsterten sich erneut. Er konnte nichts mit diesem Weihnachtsgetue anfangen. Für ihn war es reine Pflicht. Er kam des lieben Friedens willen und aus Höflichkeit denen gegenüber, denen dieses Fest so viel zu bedeuten schien. Heile Familie am Heiligen Abend. Warum tun sich das nur alle Familien an, alle Jahre wieder? Fröhliche Weihnacht all überall, dass ich nicht lache, dachte Theo. Die Fernsehprogramme waren voll von all dem Schmus und selbst jene Filme, die kleine und große Konflikte rund ums Fest thematisierten, schienen Klischees zu bedienen. Erst Zank und Streit, eine verschmorte Gans oder ein Tannenbaum, lichterloh, aber am Ende haben sich wieder alle lieb.

Er versuchte sich abzulenken und schaltete sein Smartphone ein. Die Nachrichten kamen und mit einem Wisch waren sie wieder weg. Belangloses, Beunruhigendes, Besorgniserregendes. Die Kriegsschauplätze kamen immer näher, Terror und Katastrophen und jedes Tief trug einen anderen Namen. Krisen bekamen eigene Titel von und zu Finanz- und Flüchtling, damit man die Probleme noch auseinanderhalten konnte.

Er schaute sich im Abteil um und soweit er von seinem Platz aus sehen konnte, waren fast alle online und vertrieben sich im bläulichen Kunstlicht die Zeit damit, sich zu informieren und zu unterhalten. Er blickte aus dem Fenster in das Morgengrauen. In der Ferne stiegen dampfende Siegessäulen aus hohen Schornsteinen und schickten ihre Botschaft von Fortschritt und Wachstum in die Höhe.

Theo schloss die Augen, er fühlte sich müde, abgespannt. Er hatte viel gearbeitet in der letzten Zeit. Verträge für einen wichtigen Auftrag mussten geprüft und weitreichende Entscheidungen getroffen werden.

Ein Windstoß ließ ihn auffahren. Das Zugfenster fehlte und Papiere flatterten durchs Abteil und bedeckten den Boden wie Herbstlaub. Er beeilte sich, alles aufzusammeln, und ärgerte sich darüber, dass ihm niemand zur Hand ging, bis er registrierte, dass er ganz alleine war.

Theo schreckte auf. Er saß unverändert auf seinem Platz, alles um ihn herum aufgeräumt und ruhig. Das leise, monotone Fahrgeräusch des ICE mutete friedlich an.

Langsam näherte er sich seinem Fahrziel. Er erkannte Häuser und Landschaftsmarken. Einige Gebiete waren inzwischen bebaut und er fühlte einen kleinen Stich bei den vagen Erinnerungen an eine Vergangenheit, die der Moderne weichen musste. Ein Stoppelfeld, auf dem er, seine Geschwister und Nachbarskinder im Wind ihre Drachen steigen ließen. Dahinter ein Bachlauf, an dem sie aus Stock und Stein Dämme gebaut oder sich Sommers wie Winters Mutproben ausgedacht hatten.

Sein Bruder Frank hatte sich bei einem dieser Abenteuer das Knie aufgeschlagen, der Vater hatte geschimpft und die Mutter getröstet und heißen Kakao für sie gemacht.

Das Land seiner Kindheit und Jugend war mittlerweile von Neubaugebieten mit Carports und Supermarktketten mit großflächigen Parkplätzen erobert worden. Er hielt das Smartphone reflexartig in die Höhe, um die fortgeschrittene Veränderung zu dokumentieren, als seine Hand schwer auf seinen Schoß zurücksank. Etwas schnürte ihm die Kehle zu und er blinzelte gegen ein melancholisches Gefühl an, das in ihm aufstieg.

Schöne Bescherung, dachte er angesichts dieser sentimentalen Anwandlung. Mit etwas Mühe fand er seine Fassung wieder.

Nach einer halbstündigen Busfahrt und einem kleinen Fußmarsch, erreichte er schließlich die Gartenpforte, die zu seinem Elternhaus führte, marschierte darauf zu und drückte auf die Klingel.

Ein Schatten tauchte hinter der Milchglasscheibe auf und schon öffnete seine Mutter die Tür und zog ihn ohne zu zögern an sich. Er fühlte ihren weichen Körper und atmete den reinen Duft von Seife und allerlei leckeren Küchendünsten. Sie standen ein wenig länger in dieser innigen Umarmung als üblich. Seine Mutter gab ihm Halt und ließ ihm Zeit, im Hier und Jetzt anzukommen. Schließlich löste er sich von ihr und sie sagte: „Wie schön, dass du da bist.“

Dieser einfache Satz berührte ihn mehr, als er zu sagen vermochte. Deshalb antwortete er schlicht: „Ja, ich freue mich auch, dass ich gekommen bin. Frohe Weihnachten!“

Er stand im warmen Windfang und meinte, etwas Wichtiges erfasst und verstanden zu haben: den Wert von Traditionen und ganz besonders den von diesem Fest.

Wer hätte ahnen können, dass die Entbehrungen in diesem Jahr uns vor Augen führen, wie unbeschreiblich wichtig soziale Kontakte und Kultur für uns sind? Nun ist überdeutlich geworden, wie elementar und kostbar menschliche Nähe ist.

R.I.P.

Gedenken

Etwas fassungslos nehme ich zur Kenntnis, dass in diesem Jahr schon vier Menschen verstarben, und nur bei einem von ihnen war das abzusehen. Keiner an Corona und völlig unerwartet.

Ich kannte sie lange und mehr oder weniger gut. Der Verlust macht mich betroffen. Als wäre dieses Jahr 2020 nicht schon Herausforderung genug.

Wir haben Herbst, der zweite Lockdown steht kurz bevor. In zwei Tagen treten wieder Kontaktbeschränkungen in Kraft.

Viel Zeit für Besinnlichkeit und um sich den Wert und die Qualität des Lebens bewusst zu machen und das Naheliegende besonders zu wertschätzen.

Und derer zu gedenken, die zwar nicht mehr unter uns sind, aber doch fest verankert als Bestandteil unserer Erfahrungen und Erinnerungen.

 

Spiegelbild

Gelegenheit zur Reflexion

Ich lebe seit einer Weile recht zurückgezogen. Das hängt sicherlich mit der Pandemie zusammen. Denn die Einschränkung der sozialen Kontakte hat selbstverständlich Auswirkungen auf die Psyche.

Ich denke viel nach und fühle mich oft verloren. Manches habe ich erwartet, anderes hat mich überrascht. Zurückgeworfen auf mich selbst, stelle ich mir allerlei unbequeme Fragen und rudere gegen den Verlust des Selbstwertgefühls an.

Ent-täuschend unecht fühlt sich vieles an. Mir wird sehr bewusst, wie elementar doch das Bedürfnis nach zwischenmenschlicher Nähe ist… Und unbewusst haben ureigene Ängste große Macht über mich.

Eine seltsame und unsagbare Entfremdung ergreift von mir Besitz und absorbiert meine Zuversicht. Ich flüstere mir Durchhalteparolen zu und plädiere dafür, nicht die Flinte ins Korn zu werfen, aber die meiste Zeit fühle ich mich kraftlos und entmutigt.

Und obwohl sich der Lockdown dramatisch schrecklich anfühlte, mag ich mich über die jetzigen Lockerungen kaum freuen. Alles fühlt sich „falsch“ an, obwohl es seine Berechtigung hat.

Was wir wohl in einigen Jahren über diese Zeit aussagen werden? Mit etwas Abstand wird man vieles anders erinnern und bewerten. Hinterher ist man bekanntlich immer klüger.

Aber JETZT muss jeder Mensch für sich einen Weg finden, es auszuhalten, dass unser aller Leben komplett über den Haufen geworfen wurde. Mit Folgen, die noch nicht absehbar sind.

Bei mir persönlich hat die Leidenschaft sehr gelitten. Wann wohl die Begeisterung und Lebensfreude ein Come Back feiern wird…